Seit dem US-israelischen Angriff auf den Iran am 28. Februar werden die mittelfristigen Auswirkungen des Konflikts in immer mehr Ländern spürbar: In Deutschland werden Maßnahmen eingeführt, um dem Anstieg der Preise an den Tankstellen entgegenzuwirken, in Ägypten wird der Energieverbrauch durch landesweite Einschränkungen im Nachtleben gesenkt. Während die Auswirkungen überall steigende Energiekosten beinhalten, variieren die Maßnahmen im Umgang mit der Krise.
Travel Security Analyst Marian Nothing von A3M Global Monitoring GmbH gibt in einem Überblick Maßnahmen verschiedener Länder wieder und schaut auf weitergehende Implikationen der Krise.

Unmittelbare Maßnahmen zu Beginn des Krieges

Zu Beginn des Krieges am 28. Februar war die kurzfristige Auswirkung des Konflikts klar definiert: die Rückkehr aller Reisender, die sich entweder selbst auf der Arabischen Halbinsel im Urlaub befanden, oder deren Flüge über den Nahen Osten verliefen. Rund sechs Millionen Menschen waren von diesen Auswirkungen betroffen. Während Airlines (oft mit staatlicher Hilfe) Lösungen dafür fanden, geht der Krieg nun in die 7. Woche und in die zweite Woche eines brüchigen Waffenstillstandes, bei dem die USA nun mutmaßlich die Straße von Hormus kontrollieren.

Mittelfristige Auswirkungen durch die Schließung der Straße von Hormus

Alle mittelfristigen Auswirkungen hängen direkt mit der sicheren Passage dieser Meerenge zusammen, über die 20% des Rohöls und des Flüssigerdgas (LNG) verschifft wird.

Mehr als 60 Länder haben staatliche Maßnahmen angeordnet, um mit der Treibstoffkrise umzugehen, die sich in jedem Land anders äußert. Einzelne Maßnahme können der Matrix der International Energy Agency (IEA) entnommen werden.

Ein exemplarischer Blick auf Maßnahmen, auf die Reisende stoßen könnten:

Europa:

In vielen Ländern der EU ist der Preis von Benzin und Diesel gestiegen. Während die meisten Staaten der Krise mit einer Reduzierung der Mehrwertsteuer begegnen, werden sie teilweise ergänzt, wie in Deutschland, Preiserhöhungen an Tankstellen nur einmal am Tag erlaubt sind.

In Slowenien wird diese Maßnahme bspw. mit einer Rationierung des ausgegebenen Kraftstoffs auf 50 Liter pro Person und Tag ergänzt.

In anderen Ländern wie Litauen wurden die Ticketkosten der Regionalbahn halbiert, um Anreize zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs zu schaffen.

Asien:

Weite Teile Asiens sind direkt durch den Einfuhrstopp von Öl und Gas betroffen. So mussten in Mumbai ein Fünfter der Hotels ihren Betrieb entweder zum Teil oder ganz einstellen. Auch könnten Reisende auf weniger Straßenküchen hoffen, da es zu Verknappungen bei der Verteilung von Gaszylindern zum Kochen kommt und sich ein entsprechender Schwarzmarkt entwickelt.

Der Ansatz Pakistans, das Öl und Gas zu 80% aus dem Nahen Osten bezieht, setzt auf Einschränkung der Geschäftsstunden. So sollen Einkaufzentren und kleinere Geschäfte landesweit (mit Ausnahme der Provinz Sindh) um 20 Uhr schließen, gastronomische Einrichtungen um 22 Uhr. Ab 22 Uhr sind auch alle privaten Feierlichkeiten, einschließlich Hochzeiten untersagt. Reisende müssten sich auf entsprechende Einschränkungen im Nachtleben einstellen.

In Thailand könnten Urlauber mit Mietautos ab dem 20.04. Einschränkungen erleben, da die thailändische Regierung einen Entwurf vorgelegt hat, Tankstellen täglich zwischen 22 und 5 Uhr landesweit zu schließen.

Auch in Myanmar könnten Reisende, die sich entscheiden selbst zu fahren überrascht werden. Die Regierung hat eine alternierende Nutzung von Fahrzeugen verabschiedet, bei der an der Hälfte der Tage Autos mit einer bestimmten KFZ-Kennzeichenendung fahren dürfen. Eine ähnliche Reglung hat auch Südkorea eingeführt. Alternierend sind öffentliche Parkplätze zugänglich für Fahrzeuge einer bestimmten KFZ-Kennzeichenendung.

In Sri Lanka könnten Reisende von Rationierungen bei der Vergabe von Kraftstoff betroffen sein. Über einen staatlichen QR-Code können Privatfahrzeuge ihren Anteil an den Tankstellen einfordern. Zusätzlich werden Stromsparmaßnahmen durch das Abschalten von Leuchtreklamen ab 21 Uhr vorgenommen.

Afrika:

Auch in Ägypten müssen sich Reisende mit einem eingeschränkten Nachtleben anfreunden. Seit 28.03. hat die Regierung verordnet, dass landesweit Geschäfte, Einkaufszentren und gastronomische Einrichtungen ab 21 Uhr zu schließen sind (Ausnahmen gelten donnerstags und freitags, wo die Schließzeit erst um 22 Uhr gilt). Auch werden Leuchtreklamen und teils Straßenlaternen abgeschaltet. Touristische Einrichtungen und Hotels sind explizit von den Maßnahmen ausgenommen.

Weitere Maßnahmen in Äthiopien, Südafrika und Sambia betreffen die Reduzierung der Mehrwertsteuer oder die Subventionierung von Diesel und Benzin.

Amerikas und Australien:

Auf dem amerikanischen Doppelkontinent und Australien wurden bisher wenige Maßnahmen verabschiedet, die darüber hinaus Urlauber und Reisende nicht betreffen.

Eine gesellschaftspolitische Betrachtung

Bereits über 60 Staaten haben damit begonnen Maßnahmen zu treffen, um die steigenden Energiekosten in irgendeiner Form zu mindern. In vielen Fällen beinhaltet dies direkte Staatsausgaben durch Subvention von Kraftstoffen oder reduzierte Staatseinnahmen durch Senkung der Mehrwertsteuer auf Erdöl und Erdgas. In wenigen Fällen wie in Sri Lanka oder den Philippinen werden direkte Zuschüsse an die ärmsten der Gesellschaft gerichtet. Die Maßnahmen sind vermutlich mehr als eine ökonomische Notwendigkeit. Die derzeitige Energiekrise birgt das Potenzial sozialer Spannungen, wie sie durch die Energiekrise nach der COVID-19 Pandemie und im Zuge des Angriffskriegs durch Russland auf die Ukraine bereits ausgelöst wurden. Sie fördert somit bereits bestehende sozio-ökonomische Missstände und spitzt sie weiter zu. Wirtschaftlich betroffen sind Landwirte, Spediteure, Gastronomien und energieintensive Industrien, doch die steigenden Energiekosten werden letztendlich an die Verbraucher umgelegt. Bereits erste mediale Aufmerksamkeit erhielten in diesem Zuge die Proteste in Irland, die sich seit dem 08.04. im Land ausbreiteten und derzeit die Regierung zum Handeln zwingt. Um Tankstellen herum blockierten Demonstranten Zugänge und forderten staatliche Maßnahmen zur Senkung der Diesel- und Benzinpreise. Neben Landwirten, Spediteuren und Arbeitern im Transportwesen beteiligen sich auch Teile der Bevölkerung, die staatliche Intervention im Bereich steigender Lebenshaltungskosten fordern.

Ob das Ausmaß der Demonstrationen in Irland als Einzelphänomen auftritt, bleibt abzuwarten und ist vor allem von der Fähigkeit der Staaten abhängig, die Auswirkungen der Krise abzufedern. Nichtsdestotrotz warnt die FAO vor langfristigen Auswirkungen, die der Krise noch eine andere Dimension geben.

Langfristige Betrachtungen

Die eingeschränkte Verfügbarkeit von Öl und Gas durch die Schließung der Straße von Hormus hat weitere langfristige Implikationen, die nach Caitlin Welsh (Director, Global Food and Water Security Program, CSIS) wirtschaftlich im Bereich der Nahrungsversorgung zu finden sind.

Während Öl und Gas im europäischen Rahmen Auswirkungen auf Kraftstoffpreise an Tankstellen haben, sind Südost- und Ostasien noch stärker auf Gas im Alltag, wie bspw. zum Kochen angewiesen. Sollten Lieferengpässe weiter anhalten könnten Landwirte ihre Mais-, Zuckerrohr- und Sojaernten lukrativer an Biogasanlagen verkaufen und dadurch Schwankungen auf dem Markt für landwirtschaftliche Produkte erzeugen. Die Entwicklung der Landwirtschaft darüber hinaus durch den Preis von Düngemitteln bestimmt, welcher zweifach durch die Krise betroffen ist. Erstens in seiner verarbeiteten Form: 20-30% der weltweiten Düngemittel passieren die Straße von Hormus. Zweitens durch die relative Knappheit der folgenden Erzeugnisse, die für die Herstellung von Düngemitteln notwendig sind und zu bestimmten Prozenten durch die Straße von Hormus gehandelt werden: Flüssigerdgas (zu 20%), Ammonium (zu 23%), Sulfaten (zu 45%), Phosphaten (zu 20%) und Harnstoffe (zu 34%). Die Landwirtschaft ist daher doppelt von den Auswirkungen der Krise betroffen, vor allem, da die Düngeknappheit in den Frühling fällt, in dem der Bedarf am höchsten ist. Sowohl der Wechsel auf Landwirtschaftserzeugnisse mit geringerem Verbrauch an Düngemittel würde langfristig zu Preiserhöhungen führen als auch das Weglassen von Düngemitteln aufgrund geringerer Ernteergebnisse.

Dreh- und Angelpunkt bleibt die Öffnung der Straße von Hormus für den Schiffsverkehr. Sollten die Kampfhandlungen zwischen den USA-Israel und dem Iran nach dem brüchigen Waffenstillstand weiterhin zur kategorischen Abrieglung der Meerenge führen (ob durch den Iran oder durch die USA) werden die Auswirkungen des Konflikts weiter eskalieren. Alle Entwicklungen des Konflikts können auch im Global Monitoring von A3M zum Iran nachverfolgt werden.