Bei den US-Midterm-Wahlen am 3. November 2026 steht insbesondere die Kontrolle über das Repräsentantenhaus auf dem Spiel. Die Ausgangslage ist denkbar knapp: Die Republikaner verfügen formal über eine Mehrheit von 220 zu 215 Sitzen. Die Demokraten benötigen damit lediglich einen Netto-Gewinn von drei Mandaten, um die Mehrheit von 218 Sitzen zu erreichen. Inside Elections prognostiziert aktuell einen Zugewinn der Demokraten von zwei bis zehn Sitzen. Ein Machtwechsel liegt damit unmittelbar innerhalb des derzeit erwarteten Ergebniskorridors, jedoch wird selbst bei einem demokratischen Erfolg eher eine knappe als eine komfortable Mehrheit erwartet.
Nur ein kleiner Teil der 435 Sitze entscheidet die Wahl
Die Besonderheit der Wahl liegt darin, dass die große Mehrheit der 435 Congressional Districts politisch kaum umkämpft ist. Die aktuellen Cook-Ratings vom 13. August zeigen:
| Prognose | Sitze | Anteil |
| 🔵 Sicher Demokratisch | 184 | 42 % |
| 🔵 Wahrscheinlich Demokratisch | 11 | 3 % |
| 🔵 Tendenziell Demokratisch | 10 | 2 % |
| 🟣 Offen | 19 | 4 % |
| 🔴 Tendenziell Republikanisch | 9 | 2 % |
| 🔴 Wahrscheinlich Republikanisch | 20 | 5 % |
| 🔴 Sicher Republikanisch | 182 | 42 % |
Damit gelten nur 19 von 435 Wahlkreisen als völlig offen. Rechnet man die 19 Wahlkreise hinzu, die tendenziell einer der beiden Parteien zugerechnet werden, sind lediglich 38 Sitze bzw. knapp 9 % des gesamten Repräsentantenhauses wirklich kompetitiv. Diese wenigen Rennen können darüber entscheiden, ob Trump ab Januar 2027 weiterhin mit einem republikanischen House regiert oder mit einem demokratisch kontrollierten Repräsentantenhaus konfrontiert wird.
Die Ausgangslage der „Offenen Rennen“ spricht für die Demokraten
Noch wichtiger als die reine Zahl der kompetitiven Wahlkreise ist, welche Partei diese Sitze derzeit hält.
Von den 19 aktuell als „Offene Rennen“ eingestuften Wahlkreisen werden:
🔴 15 von Republikanern gehalten
🔵 4 von Demokraten gehalten
Damit kämpfen die Republikaner überwiegend darum, ihre bestehenden Mandate zu verteidigen, während die Demokraten deutlich mehr Möglichkeiten haben, Sitze hinzuzugewinnen. Das ist angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse entscheidend. Die Demokraten müssen nicht annähernd alle bis dato von Republikanern gehaltenen „offenen Rennen“ gewinnen. Sie benötigen unter dem Strich lediglich drei zusätzliche Mandate.
Die Republikaner müssen dagegen ihre sehr knappe Mehrheit in einem nationalen politischen Umfeld verteidigen, das derzeit eher zugunsten der Demokraten tendiert.
Gerrymandering verschafft den Republikanern dennoch einen wichtigen Puffer
Gerrymandering spielt dabei eine wichtige, aber nicht allein entscheidende Rolle. Damit ist der taktische Zuschnitt von Wahlkreisen gemeint: Grenzen werden so gezogen, dass die eigene Anhängerschaft in möglichst vielen Bezirken die Mehrheit stellt. Zusätzlich sorgen die geografische Konzentration demokratischer Wähler in Städten und die zunehmende politische Polarisierung dafür, dass immer weniger Congressional Districts tatsächlich zwischen beiden Parteien wechseln.
Darüber hinaus kommt für 2026 eine Seltenheit hinzu: Beide Parteien haben die Grenzen der Wahlkreise ungewöhnlich früh – noch vor dem regulären Zehn-Jahres-Turnus – neu gezogen. Unter dem Strich haben die Republikaner aus diesem sogenannten ‘Mid-Decade-Redistricting‚ einen deutlichen Vorteil gezogen. Das Analysehaus Cook schätzt, dass die Partei dadurch ein deutlich größeres Polster für die Wahl hat – obwohl ihre Mehrheit auf dem Papier eigentlich extrem knapp ist. Der Median-Wahlkreis ist inzwischen mit R+3 republikanischer als zuvor.
Die Prognose bewegt sich derzeit eindeutig zugunsten der Demokraten
Bemerkenswert ist die Entwicklung der Race Ratings. Bereits im Januar verschob Cook 18 House-Ratings in Richtung der Demokraten. Als Gründe wurden unter anderem Trumps schwache Zustimmungswerte, demokratische Überperformance bei Special Elections und das nationale politische Umfeld genannt. Weitere Wahlkreise sind seitdem kompetitiver geworden, nicht zuletzt durch den Irankrieg und die steigende Inflation.
Die aktuelle Lage lässt sich deshalb ungefähr so zusammenfassen:
| Faktor | Vorteil |
| Nur drei Netto-Sitze notwendig | 🔵 |
| Mehrheit der „offene Rennen“ mit republikanischem Amtsinhaber | 🔵 |
| Nationales politisches Umfeld | 🔵 |
| Midterm-Effekt gegen den Präsidenten | 🔵 |
| Entwicklung der Race Ratings | 🔵 |
| Wahlkreisstruktur / Gerrymandering | 🔴 |
| Republikanischer Redistricting-Vorteil | 🔴 |
Inside Elections bringt diese Gemengelage in seiner aktuellen Prognose auf eine relativ klare Formel:
🔵 Democrats: +2 bis +10 Sitze
Damit liegt die Schwelle zur Mehrheit – +3 Sitze – fast am unteren Rand des prognostizierten demokratischen Zugewinns.
Ein demokratisches House ist derzeit das wahrscheinlichere Szenario
Aus heutiger Sicht spricht daher mehr für einen demokratischen Machtwechsel als für eine Verteidigung der republikanischen Mehrheit. Cook bezeichnet die Demokraten ausdrücklich als Favoriten, während Inside Elections einen demokratischen Zugewinn prognostiziert, der wahrscheinlich für die Mehrheit ausreichen würde. Ein republikanischer Sieg bleibt jedoch weiterhin im Bereich des Möglichen, weil die neue Wahlkreisstruktur den Republikanern einen erheblichen strukturellen Puffer verschafft.
Quellen:
https://www.cookpolitical.com/ratings/house-race-ratings
https://insideelections.com/ratings/house/
https://www.ncsl.org/redistricting-and-census/changing-the-maps-tracking-mid-decade-redistricting
